ORF-Meldung: Österreicher bei Religiosität an achter Stelle
Ein Kommentator schreibt: “Btw: An den Atheismus braucht man nicht zu glauben. Er gründet auf Verstand!”
Diese Feststellung ist unsinnig. Natürlich muss man an den Atheismus genauso glauben, wie man alles andere glauben muss. Wir kommen über den Glauben nicht hinweg. Jede andere Behauptung ist dumm und beruht auf einer oberflächlichen Beschäftigung mit dem Thema der Erkenntnis.
Wir müssen der Wissenschaft glauben, und nur allzu oft erfahren wir später, dass wir Unsinn geglaubt haben. Selbst, wenn es möglich wäre, die Überlegungen der Wissenschaftler nachzuprüfen (was für den Durchschnittsbürger unmöglich ist), müssten wir glauben: Unseren Sinnen und unserem Verstand.
Unsere Sinne sind unvollkommen und beschränkt. Sie unterliegen mannigfachen Täuschungen. Unser Geist ist voreingenommen, konditioniert, eingefärbt von verschiedensten Weltanschauungen, die uns nicht einmal bewusst sind. Alles, was wir durch die Sinne und mit Hilfe des Verstandes betrachten, ist höchst subjektiv und eingeschränkt.
Jemand, der an den Atheismus glaubt, glaubt genauso wie alle anderen. Atheismus mag keine Religion sein, wenn wir Religion als etwas definieren, das auf übersinnlichen Vorstellungen bis hin zu Gott beruht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Atheismus Glaube ist. Es ist einem konditionierten, bedingten Lebewesen nicht möglich, ein klares Verständnis der Wirklichkeit zu gewinnen. Der Fehler ist bereits eingebaut. Letztendlich ist jede wissenschaftliche Aussage keine Aussage über das untersuchte Objekt, sondern eine Aussage über den Bedingtheitsgrad des Wissenschaftlers, der sich in diesen Aussagen unmittelbar widerspiegelt.
Wir sind gebunden, an Händen, Füßen und Gehirn. Hier gibt es kein wirkliches Wissen. Ja, ich mag wissen, dass heute sieben Flugzeuge über mein Haus geflogen sind, aber das ist irrelevantes Wissen. Ich mag wissen, wie ich Elektronen bändigen kann, um einen Computer zu betreiben. Aber auch das ist irrelevantes Wissen. Es mag in einem bestimmten winzigen Bezugsrahmen “objektiv” sein, aber letztendlich wird seine illusorische und oberflächliche Natur offensichtlich. Wissen dieser Art ist absolut ungeeignet, glücklich zu machen, Antworten auf die wirklichen Fragen des Lebens zu geben oder die wahren Probleme der Menschheit, wie Angst und Leid zu lösen.
Alles, was wir vermeintlich wissen, glauben wir zu wissen. Wir alle sind Gläubige, ob Atheist oder Moslem oder Christ, Kommunist oder sonst was. Der Atheismus gründet auf einem beschränkten und unvollkommenen Verstand. Er gründet nicht auf reiner Intelligenz. Diese ist für Menschen, die sich mit ihrer Beschränktheit identifizieren, ein fremdes, unbekanntes Gefilde. Es ist nie eine Frage des Glaubens oder Nichtglaubens. Es ist immer eine Frage des “wem glaubt man”. Glaube ich meinen Augen? Der Wissenschaft? Der Kirche? Meinem Freund? Das ist harte Kost für Menschen, die sich nicht mit ihrer epistemologischen Bedeutungslosigkeit abzufinden vermögen. Atheismus ist der intensivste Ausdruck eines beschränkten Geistes.
Ein anderer Kommentator schreibt: “Die meisten Atheisten sagen nicht, dass es keinen Gott gibt - denn das müsste man ja glauben und könnte es nicht beweisen.”
Das ist ein guter Ansatz. Aber dann ist der Begriff “Atheismus” falsch, denn dieser weist darauf hin, dass es eben keinen Gott gibt. In diesem Fall ist der Begriff “Agnostiker” zutreffend, da eingestanden wird, dass jenseits relativen Wissens eine definitive Erkenntnis der Wirklichkeit unmöglich ist. Ein Agnostiker ist also jemand, der behauptet, man könne es nicht wirklich wissen. Und siehe, auch er, der sich so elegant aus der Affäre ziehen will, ist ein Gläubiger. Er glaubt, dass man nichts wissen kann. Gibt es dafür einen Beweis? Er kann nichts wissen, und es ist gut und ehrenwert, sich das einzugestehen. Aber weiß er, dass niemand nichts wissen kann? Nein, das kann er nicht wissen, weil sein beschränkter Horizont ihm nicht erlaubt, darüber zutreffende Aussagen zu machen. Letztendlich ist der Agnostiker ehrlicher als der Atheist. Er gibt seine Unwissenheit zu, aber er neigt dazu, diese ebenso allen anderen anzulasten: “Niemand kann es wissen”. Das ist sein Glaube.
Die Wirklichkeit ist größer als wir. Das ist einfach zu verstehen. Hebe deinen Arm. Es funktioniert. Jetzt erkläre mir, wie du das gemacht hast. Was ist alles in deinem Körper, in deinem Gehirn passiert. Wenn du ehrlich bist, musst du zugeben, dass du keine Ahnung hast. Aber auch für den Fall, dass deine Pseudogelehrtheit dich daran hindert, diese klare und simple Tatsache anzuerkennen: Bitte ein kleines Kind, den Arm zu heben. Frag es,wie das funktioniert…
Die Wirklichkeit ist größer als wir. Wenn wir die Wirklichkeit “wissenschaftlich” erforschen, dann spielt die Wirklichkeit mit uns das Spiel “des Erforschens der Wirklichkeit”. Wir gleichen Kindern, die in einem Vergnügungspark mit einem Auto auf Schienen fahren und wild am Lenkrad herumkurbeln, in der Annahme, das Auto auf der Strecke halten zu müssen.
Es gibt nur einen Zugang zur Wahrheit und der lautet: Hingabe. Hingabe beruht auf Demut, und Demut beruht auf den ersten Knospen wahren Wissens. Wir erhalten Wissen, wenn wir den richtigen Personen die richtigen Fragen stellen. Deshalb hieß es weiter oben: Es ist nie eine Frage des Glaubens oder Nichtglaubens. Es ist immer eine Frage des Glaubens, aber entscheidend ist, wem wir glauben. Der bedingte Mensch glaubt immer das, was er hören will. Seine ihm eigene relative “Wahrheit” bringt ihn in Resonanz zur Bestätigung dieser “Wahrheit”. Weil er die Dinge so sehen will, und nicht anders, arrangiert die Wirklichkeit alles, damit er die Dinge eben so sehen kann, wie er sie sehen will. Es wird selektiert und interpretiert. Alles, was nicht ins Bild passt - und das ist eine ganze Menge - wird ignoriert.
Der bedingte Mensch glaubt, und der göttliche Mensch glaubt. Der eine glaubt einer Fata Morgana, der andere glaubt der Wirklichkeit. Der göttliche Mensch sagt: “Ich bin bereit, die Wirklichkeit anzunehmen, wie sie ist, jenseits aller Vorurteile, vermeintlichen Interessen und Vorlieben, jenseits allen Recht-Haben-Müssens. Das ist der Beginn seiner umfassenden Erkenntnis. Der göttliche Mensch erkennt seine Fesselung und er zieht daraus die einzig demütige und wahre Schlussfolgerung: “Ich brauche Hilfe, ich brauche Gnade, die Gnade der Wirklichkeit.” Und siehe, durch diese Gnade erkennt er sich als Teil der Wirklichkeit, und er erkennt die Wirklichkeit, nicht als Manipulator und Forscher, sondern als Mitglied und Liebender. Die Wirklichkeit kann nur jemand verstehen, der sich ihr ergibt, denn sie ist größer als wir es sind. Die Menschen diskutieren und streiten über Religion, Atheismus, dies und das: Es ist Kindergartengehabe. Niemand hat Recht. Sie diskutieren voller Hingabe darüber, ob das Wasser in einer Fata Morgana süß oder salzig ist.
Wenn der Mensch am Ende seiner Weisheit angelangt ist, wenn sein Hilfeschrei ertönt, laut oder leise sich ein Stöhnen der Verzweiflung seiner Brust entringt, dann beginnt sein Weg der Wahrheit. In dieser Welt ist jeder immer und überall am Ende seiner Weisheit angelangt. Aber es bedarf eines guten Maßes an Aufrichtigkeit, Selbstbewusstsein und Intelligenz, um sich das einzugestehen.
